Mentales Training gehört seit vielen Jahren selbstverständlich zum Spitzensport. Athletinnen und Athleten bereiten sich nicht nur körperlich und technisch auf Höchstleistungen vor, sondern trainieren gezielt den Umgang mit Druck, Unsicherheit, Fehlern und kritischen Entscheidungssituationen. Genau diese Herausforderungen prägen auch den Alltag in der Notfallmedizin. Gemeinsam mit dem Klinikum Dritter Orden München-Nymphenburg übertragen wir deshalb sportpsychologische Erkenntnisse in den medizinischen Kontext und entwickeln praxisnahe Ansätze für Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte.
Den Auftakt des Projekts bildete eine gemeinsame Podiumsdiskussion zum Thema Mentales Training in der Notfallmedizin. Gemeinsam mit Olympiasiegerin Dajana Eitberger, dem Chefarzt der Kinderklinik, Prof. Dr. Florian Hofmann, sowie der Anästhesiepflegekraft und Stationsleitung Melanie Wedding-Eiselt wurden Parallelen zwischen Spitzensport und Medizin diskutiert. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche psychologischen Strategien helfen, auch unter hoher Belastung leistungsfähig zu bleiben, Entscheidungen sicher zu treffen und als Team effektiv zusammenzuarbeiten. Die unterschiedlichen Perspektiven machten deutlich, wie viele Gemeinsamkeiten beide Hochleistungsbereiche trotz ihrer unterschiedlichen Rahmenbedingungen aufweisen.
Aus diesem Impuls heraus ist inzwischen ein regelmäßiges Mentaltraining mit den Ärztinnen und Ärzten der Kinderklinik entstanden. In den gemeinsamen Trainings werden Themen wie Aufmerksamkeit, Entscheidungsfindung, Kommunikation unter Druck, Emotionsregulation, mentale Vorbereitung sowie der konstruktive Umgang mit Belastung und Fehlern bearbeitet. Gleichzeitig werden bereits weitere Trainingsformate vorbereitet, die künftig auch allen Ärztinnen und Ärzten der Notfallmedizin sowie dem Pflegepersonal offenstehen. Dieses Angebot wird durch die Techniker Krankenkasse unterstützt. Ziel ist es, mentale Kompetenzen langfristig als festen Bestandteil professioneller Aus- und Weiterbildung in der Medizin zu etablieren.
Ein wichtiger Bestandteil des Projekts ist zudem das gegenseitige Verständnis der jeweiligen Arbeitswelten. Deshalb begleitet Dr. Tom Kossak den klinischen Alltag nicht nur im Seminarraum, sondern auch direkt vor Ort. Hospitationen auf der Kinderintensivstation, der Neugeborenenstation und in der Notaufnahme sowie ein kompletter Einsatztag mit Prof. Dr. Florian Hofmann als Kindernotarzt ermöglichen wertvolle Einblicke in die tatsächlichen Anforderungen medizinischer Hochleistungsteams. Erst durch dieses Verständnis lassen sich sportpsychologische Methoden sinnvoll an die Realität der Notfallmedizin anpassen und gemeinsam mit den Beteiligten weiterentwickeln.
Unser Fazit ist eindeutig: Mentales Training hat seinen Platz in der Medizin gefunden. Die Anforderungen im Spitzensport und in der Notfallmedizin unterscheiden sich zwar in ihrem Kontext, die zugrunde liegenden psychologischen Mechanismen sind jedoch dieselben. Aufmerksamkeit verengt sich unter Druck, Emotionen beeinflussen Entscheidungen, Stress verändert Kommunikation und mentale Prozesse bestimmen wesentlich die Qualität des Handelns. Deshalb lassen sich viele wissenschaftlich fundierte Konzepte kontextübergreifend übertragen. Gleichzeitig reicht ein einfacher Transfer nicht aus. Entscheidend ist, die spezifischen Rahmenbedingungen der Notfallmedizin genau zu verstehen und darauf aufbauend Methoden zu entwickeln, die den besonderen Herausforderungen von Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften gerecht werden. Genau darin sehen wir den Schlüssel, um mentale Stärke in der Medizin nachhaltig zu fördern und damit Leistung, Gesundheit und Patientensicherheit gleichermaßen zu stärken.
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